Kriege haben über das unermessliche menschliche Leid hinaus auch große ökonomische Schäden zur Folge. Im Zuge des Kriegs im Nahen Osten hat sich die Straße von Hormus als Achillesferse des Welthandels, insbesondere für Ener-gierohstoffe, erwiesen. Die von US-Präsident Trump ausgerufene vierzehntägige Waffenruhe resultiert möglicherweise auch aus der Einsicht, dass militärische Großkonflikte mit zunehmender Dauer extrem teuer werden. Die Marktreakti-onen auf die Waffenruhe – der deutliche Rückgang des Ölpreises, die Aktienkursanstiege und die gesunkenen Anlei-herenditen – sind verständlich, sollten aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Lage unsicher bleibt. Zudem hat die Weltwirtschaft durch den Krieg Schaden genommen, und die Aufräumarbeiten, sollte der Krieg wirklich weitge-hend beendet sein, werden noch längere Zeit in Anspruch nehmen. Bis ein ansatzweise normaler Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus gewährleistet sein wird und bis die Öl- und Gasförderanlagen wieder repariert bzw. hochgefah-ren sein werden, wird das globale Wachstum gebremst bleiben. Immerhin, trotz der Widrigkeiten dürfte die Weltwirt-schaft in diesem und im kommenden Jahr um rund 3 % wachsen.
Besondere Beachtung wird aktuell den Notenbanken geschenkt, deren Entscheidungen durch den Krieg deutlich schwieriger geworden sind. Denn die Inflationsraten sind infolge der höheren Energiepreise nach oben gegangen. Für die Eurozone dürften für März und April Werte von über 3 % gemeldet werden. Für die Europäische Zentralbank be-steht also ein gewisser Druck, mit Zinsanhebungen zu reagieren. Für die Juni-Sitzung erwarten wir eine Leitzinserhö-hung um 25 Basispunkte, danach aber vor dem Hintergrund der nur moderaten konjunkturellen Entwicklung lediglich eine abwartende Zinspolitik ohne weitere Erhöhungen. In den USA wird die Prognose dadurch erschwert, dass die Nachfolge von Fed-Chef Powell ab Ende Mai formal immer noch nicht geregelt ist. So bestehen für die Finanzmarkt-teilnehmer einige Unsicherheiten bezüglich der Geldpolitik in der zweiten Jahreshälfte, und zwar zusätzlich zu der nach wie vor fragilen Lage im Nahen Osten und zu den grundsätzlichen geopolitischen Unwägbarkeiten. Die Flexibilität und die Widerstandsfähigkeit der Weltwirtschaft werden im Jahresverlauf zwar weiter strapaziert werden, doch sollten die Aktienmärkte angesichts der anhaltenden moderat-positiven Wachstumsaussichten unter hohen Schwankungen freundlich tendieren.

